Zu den vier Linden - Eckkneipe, Szenekneipe, Gaststätte, Speiselokal in Braunschweig, östliches Ringgebiet

Aus dem prallbunten Leben des Wolfgang Haberkamm

Der Mann ist einfach authentisch. Sein Gesicht verrät unverkennbare Spuren eines intensiv geführten Daseins, in dem zwei Grundsätze ganz vorne standen. „Das Leben ist zu kurz für schlechte Musik“ und „Nicht jammern. Machen, einfach machen“. Einer, der sich diese Weisheiten zur Maxime seines Handelns erwählt hat, der kann nicht einfach so Heinz-Günther oder Herbert heißen, auch sein Taufname Wolfgang ist zu bieder. So einer heißt halt schon mal Elvis. So einer sitzt auch nicht irgendwo im Büro, nein, so einer ist Frontmann. So einer braucht Publikum und er findet es. Er sieht sich zwar nicht als der Verkünder einer Heilslehre (obwohl er evangelische Theologie studiert hat und als Gymnasiallehrer unterrichtete), aber er ist einer, dem man zuhört. So einer ist eigentlich der geborene Kneiper.

Wolfgang "Elvis" Haberkamm

Wolfgang Haberkamm hat folgerichtig nach einer Reihe beruflicher Irrungen und Wirrungen seiner wirklichen Berufung nicht entgehen können und ist heute Schankwirt mit der Lizenz, in einer mehr als 100 Jahre alten Eckkneipe Erlebnisse zu vermitteln. Und er hört tatsächlich auf den Nickname Elvis. Kenner wissen jetzt, es kann sich nur um den Mann handeln, der die Gaststätte „Zu den vier Linden“ in der Wiesenstraße innerhalb einer Dekade zur absoluten Kultkneipe entwickelte. Genau, der ist es.

Eigentlich gibt es in dem prallbunten Leben des Wolfgang- Elvis H. keine Phase, die in die Vita eines Normalbürgers passt. Allein die Liste der studierten, erlernten, angelernten und irgendwie ausgeübten Professionen reicht, um für ein halbes Jahr das „Heitere Beruferaten“ im Fernsehen zu bestücken. Vom Tellerwäscher bis zum Religionslehrer, vom Schauspieler bis zum Verkäufer von Tiernahrung jeglicher Art, vom Bauleiter bis zum Geschäftsführer, vom Chefrevoluzzer an der Uni Göttingen bis zum Gastronomen, –der Tausendsassa hat nichts ausgelassen. Und eigentlich an allem zumindest eine gewisse Zeit lang Spaß gehabt. Wenn der nachließ wandte sich der Protagonist schnurstracks anderen Betätigungsfeldern zu. Denn: „Das Leben ist zu kurz für schlechte Musik“.

Einige Stationen im Zeitraffer: Volksschule, Gymnasium (dort erhielt er als Sextaner wegen einer Parodie des Presley-Hits „Tutti -Frutti“ den Spitznamen Elvis und vom gestrengen Lehrer wegen unbotmäßigen Gesangs ordentlich ein paar hinter die Löffel), Abitur, Studium der Theologie und Sozialwissenschaften, das wegen mehrerer Abstecher in die Bereiche Jura, Volkswirtschaft, Pädagogik auf stolze 17 Semester aufgebläht wurde, 1. Staatsexamen in Göttingen, 2. Staatsexamen in Hannover, danach Anstellung als Religionslehrer an der IGS Weststadt (Wilhelm-Bracke-Gymnasium). Typisch Haberkamm: An dem Tag, als er die Anstellung bekam, trat er aus der Kirche aus.„Ich bin überzeugter Atheist, Theologie habe ich nur aus rein wissenschaftlichen Gründen studiert. Ich wollte nur herausfinden, was die Welt im Innersten zusammenhält“.

Dass diese Einstellung (gepaart mit einigen weiteren Haberkammschen Eigenheiten, die sogar bundesweit publiziert wurden und zu einer juristischen Auseinandersetzung mit seinem obersten Dienstherrn führten) nicht ausreichte, um als Pädagoge die Pensionsgrenze zu erreichen, ahnt der geneigte Leser hier bereits. So kam es auch, unser Held war 1990 nach achtjähriger Prozesszeit wieder frei für neue Aufgaben, die Schule hatte er schon seit 1982 nicht mehr von innen gesehen. Dafür aber in den Jahren Erfahrungen als Gastronom gesammelt. Er kaufte, führte und verkaufte das „Tunicum“ und das „Contrair“, startete 1987 schon mal eine Karriere als Hilfsarbeiter auf dem Bau und arbeitete sich ganz rasch zum Bauleiter hoch. Dazu absolvierte er noch die Ausbildung zum Tischler. Man konnte Haberkamm vieles nachsagen, eines aber nie: Dass er nicht arbeitete und gutes Geld verdiente.

Elvis als Koch

1993 kaufte er die „Vier Linden“ an der Wiesenstraße und meisterte danach einen gewagten Spagat: Er bewahrte die Tradition und kombinierte sie mit neuen Ideen. Das Mobiliar blieb, aber es zog ein neuer Geist ein, Haberkamm machte die Eckkneipe zum Treffpunkt aller Sparten, Berufe und Altersklassen. Staatsanwälte und Arbeitslose, Bosse und Studenten, Pauker und Punker, Rocker und Zocker, Schauspieler, Politiker und Finanzbeamte –quer durch alle sozialen Gruppierungen geht die Liste seiner Kundschaft. Entsprechend auch die Auswahl auf der Karte: 6 verschiedene Biere immer im Anstich, weitere 15 Sorten in Flaschen, 80 verschiedene Spirituosen, dazu exzellente Weine. Von der Barbearie-Entenbrust bis zur Schmalzstulle, der Bulette und der Salzgurke kündet die Speisekarte. „Wir haben nahezu alles“, sagt der „Chef“ und man spürt so etwas wie Stolz in der Stimme. „Wir haben das Alte belassen und eine Topküche dazu gebracht“.

Das Publikum sei total heterogen. Für ihn, den Wirt ist das bestens, wo er doch alle gleich behandelt, ihm jeder Gast gleich lieb und gleich viel Wert ist. Wahrscheinlich liegt hier das Geheimnis seines Erfolges. Ebenso wahrscheinlich ist die lange Liste seiner erlernten und ausgeübten Berufe einer der Gründe, warum es so funktioniert. Elvis kann (fast) überall profund mitreden, als Mann mit seelsorgerischem Hintergrund aber auch gut zuhören. Nur singen, das kann er nicht wirklich, obwohl er doch Elvis heißt.

Text aus dem PR-Magazin: "Under Üsch: Wir in Braunschweig", von Klaus Langhardt.