Elvis unter Hochrotdruck
Karikaturen kommen ohne einen Kübel Spott nicht aus. Sie müssen übertreiben, was die spitze Feder hergibt. Sie müssen dezente Segelohren aufblähen zu gewaltigen Elefantensegeln, sie müssen Menschen mit linkisch kaschierten charakterlichen Defiziten als das entlarven, was sie sind: Charakterschweine.
Ohne Gift und Galle
Sie können, wenn sie brillant sind, politische und gesellschaftliche Zustände geißeln, indem sie einen Missstand in ein sofort und für jedermann sinnlich fassbares, prägnantes Bild umsetzen. Karikaturen können ganz schön schmerzen. Welche Frauen und Männer hat sich wohl der Braunschweiger Grafikdesigner und Illustrator Günter Wolters vorgeknöpft, um sie ein bisschen auf der Leinwand zu piesacken? Welche „Braunschweiger Originale aus dem Kulturleben“ sind seiner spöttelnden Feder nicht entkommen?
Wem hat er die Ohren lang gezogen, wem aus der Kulturszene, die sich doch eigentlich immer so gern herzt und unheimlich lieb hat? Na? Wem wohl?
Nun seien Sie nicht enttäuscht: niemandem! Die 15 Arbeiten in der Galerie Buch & Kunst, die Michael Kröger passend zum 3. Braunschweiger Satirefest in sein Galeriezimmer gehängt hat, sind Portraits, gearbeitet im karikaturistischen Stil. Ohne Gift und Galle.
Die Übertreibung charakteristischer Körpermerkmale hält sich in zahmen Grenzen. Geheimratsecken hat man schon steiler gesehen, Bollerköpfe schon bolleriger, bleckende Zähne beim Zahneblecklachen schon bleckender. Das ist aber auch gut so, weil Wolters allesamt nette Menschen, die den Kulturbetrieb emsig am Kurbeln halten, portraitiert hat. Ihren Eigenheiten hat er behutsame Konturen gegeben, ihre Schrullen liebevoll inszeniert. Niemanden vorgeführt, niemandem wehgetan!
Den Beipackzettel zur Ausstellung lässt man am besten in der Fensterbank ruhen und gibt sich dem netten Namen-Rate-Spiel hin. Uwe Flake ist als nimmermüder Kultur-Conférencier mit einladender Armgeste blendend getroffen: Komm her an meine Brust, du holde Welt der Kleinkunst!
Sehen und raten
Hartmut El Kurdi dagegen sieht wie ein verunglückter Wiglaf Droste aus, wobei El Kurdi diese Assoziation sicher nicht krumm nehmen würde. Lienhard von Monkiewitsch flirtet mit diesem unverwechselbaren feinsinnigen Lächeln mit seiner Inspirationsfigur Fibonacci, und Elvis Haberkamm, Hauptdarsteller in den „Vier Linden“, steht mal wieder unter Hochrotdruck. Michael Kröger sinniert mit weltvergessenem Blick: „Ein Mann, ein Buch, ein Schnaps“ und denkt vielleicht an Oskar Maria Graf. Oder an Jägermeister? Ach, und all die anderen Kulturnasen. Aber sehen und raten Sie selbst. Lohnt sich.
(Braunschweiger Zeitung, 17. März 2006, von Susanne Jasper)